Familie Lima verfügt seit zwei Monaten über keinen festen Wohnsitz
und lebt vorübergehend in einer Jugendherberge.
In den vergangenen drei Jahren lebte die Familie in einer
Sozialwohnung der AIS in Rümelingen. Im September kam dann die
Zwangsräumung.
Um nicht auf der Straße zu landen, beschloss Carmen Lima, mit drei
ihrer Kinder, Valérie (18), Miley (9) und Wyatt (6), vorübergehend
in eine Jugendherberge zu ziehen. Dort können sie aber
voraussichtlich nur noch bis zum 18. November bleiben.
Der Tag von Familie Lima beginnt um 5 Uhr. Von der Jugendherberge
geht es dann mit dem Bus bis zur Umsteigeplattform Pfaffenthal,
dann mit dem Zug zum Hauptbahnhof. Dort fährt die Familie mit
einem anderen Zug bis nach Esch, wo sie in einen Bus umsteigt, der
sie nach Rümelingen bringt.
Insgesamt braucht Carmen Lima zirka anderthalb Stunden, um ihre
Kinder zur Schule zu bringen
Gegen 19.30 Uhr kehrt Familie Lima in ihr vorübergehendes
"Zuhause" zurück: ein kleines Zimmer mit zwei Etagenbetten und
einem Bad, jedoch ohne Küche.
An diesem Abend konnten sich Carmen Limas Kinder ausnahmsweise
eine halbe Pizza teilen. Normalerweise gibt es an dieser Stelle
nur Cornflakes oder Sandwiches.
Ein LW-Team begleitete die Familie Lima einen Tag lang mit der
Kamera.
Der Kampf ums Überleben
Familie Lima hat seit zwei Monaten keinen festen Wohnsitz und lebt
vorübergehend in einer Jugendherberge
Der Winter steht vor der Tür, die Corona-Infektionszahlen erzielen
Höchstwerte. Zahlreiche Menschen ziehen sich daher in ihre eigenen
vier Wände zurück. Carmen Lima, vierfache Mutter, muss zurzeit
allerdings auf die Sicherheit eines eigenen Zuhauses verzichten. „Wir
können drinnen reden“, sagt die 39-Jährige in einem erstaunlich
ruhigen Ton, als sie das LW-Team vor dem Eingang der Jugendherberge in
Luxemburg-Stadt, ihrem derzeitigen Schlafplatz, begrüßt.
Ihr Blick ist leer, ja gar etwas abwesend. Die Kapverdierin, die seit
rund 26 Jahren in Luxemburg lebt, trägt weder Mantel noch Jacke,
lediglich ein dunkler, zum Teil durchlöcherter Pullover schützt sie
vor der Kälte. An ihrer Hüfte hängt eine rot-gelbe Bauchtasche mit der
Aufschrift „Knax-Club“.
Seit Mitte September haben Carmen Lima, ihr Partner Ernesto Lopes und
ihre drei jüngsten Kinder – Valérie (18), Miley (9) und Wyatt (6) –
keinen festen Wohnsitz mehr. Um zusätzliche Kosten einzusparen, kam
Vater Ernesto vorübergehend bei einem Familienmitglied unter, Carmen
und ihre drei Kinder bezogen ein Vierbettzimmer in der Jugendherberge
in Clausen, das sie voraussichtlich bis zum 18. November nutzen
können. Zuvor hatte die Familie bereits Unterschlupf in der
Jugendherberge in Esch/Alzette gefunden. „Als wir am 16. September aus
unserer Wohnung in Rümelingen rausgeworfen wurden, hatten wir die Wahl
zwischen der Jugendherberge oder der Straße“, beschreibt die Mutter
die prekäre Lebenslage der Familie.
Nach einem Monat in der Escher Jugendherberge kam die Familie am 19.
Oktober in die Hauptstadt. „Auch hier dürfen wir, obwohl wir unseren
Aufenthalt natürlich bezahlen, nur 30 Tage bleiben. Falls ich nicht
bald eine neue Wohnung gefunden habe, landen wir alle auf der Straße“,
sagt Carmen Lima, holt dann tief Luft und korrigiert ihre Aussage:
„Nicht alle … nur ich, denn meine Kinder wird man mir dann wohl
wegnehmen.“ Eine Vorstellung, die traumatische Erinnerungen in ihr
weckt. „Ich weiß selbst, wie es ist, in einem Heim aufzuwachsen“, so
Lima.
Mit 13 ihr erstes Kind
Geboren wurde die heute 39-Jährige auf einer kapverdischen Insel.
Als Carmen gerade ins Grundschulalter kam, zogen ihre Mutter und ihr
Stiefvater auf der Suche nach einem besseren Leben nach Luxemburg.
Aufgezogen wurde das junge Mädchen von der Patentante. „Ich fühlte
mich bei ihr sehr geborgen. Sie war für mich wie eine Mutter“,
erinnert sich Carmen Lima an die Frau, die sie seit ihrem Umzug ins
Großherzogtum vor 26 Jahren nie mehr wiedersah.
„Ich war ungefähr zwölf, als meine leibliche Mutter mich dann nach
Luxemburg holte. Ich wollte nicht mit, da ich herausgefunden hatte,
dass mein Stiefvater gar nicht mein leiblicher Vater war. Meine
Mutter hatte mich jahrelang belogen. Das Verhältnis zu ihr war also
sehr schlecht“, erzählt die 39-Jährige. Und: Die
Mutter-Tochter-Beziehung wurde noch komplizierter, als Carmen Lima
im Alter von nicht einmal 13 Jahren schwanger wurde, mit Ricky
(heute 26), ihrem ältesten Sohn.
„Die Situation zu Hause wurde immer schlimmer. Mit 14 oder 15 kam
ich dann ins Heim“, erinnert sich Carmen Lima. Zu ihrer Mutter brach
sie den Kontakt ab. Mit 19 zog die junge Frau dann schließlich in
eine eigene Wohnung nach Bonneweg. Dort lebte sie etwa 13 Jahre mit
ihren Kindern und deren Vater, Ernesto Lopes. „In den letzten Jahren
fingen die Probleme in der Mietwohnung an. Deren Zustand war
schlecht. Doch die neuen Eigentümer wollten, dass ich mich selbst um
die Wartungs- und Renovierungsarbeiten kümmere. Aus Protest habe ich
dann die Miete nicht mehr gezahlt. Daraufhin sind wir aus der
Wohnung geflogen“, erzählt Carmen Lima.
Unterschlupf fand Familie Lima damals in einer Notunterkunft in der
Hauptstadt. Dort verbrachte sie zirka zwei Jahre. 2016 stellte die
Agence immobilière sociale (AIS) der Familie eine Mietwohnung in
Rümelingen zur Verfügung. „Mein Partner arbeitete in der
Bauindustrie, ich bekam den Revis und habe mich um die Kinder
gekümmert. Da es eine Sozialwohnung war, war die Miete für uns
bezahlbar“, beschreibt die Kapverdierin ihre damalige
Lebenssituation.
„Aus der eigenen Wohnung verjagt“
Nach drei Jahren, also im März 2019, kam dann aber ein erstes
Schreiben mit der Aufforderung, dass das AIS-Programm nun nach drei
Jahren abgeschlossen werde und die Familie in wenigen Monaten aus der
Wohnung ausziehen müsse. „Ich habe alles versucht, um eine neue
Wohnung zu finden. Für Familien wie uns ist es nicht einfach, auf dem
aktuellen Immobilienmarkt etwas zu finden. Nicht nur wird verlangt,
dass beide Erwachsenen ein durchschnittlich hohes Einkommen haben, sie
sollen auch einen unbefristeten Arbeitsvertrag haben. Nicht zu
vergessen, dass Familien mit mehr als zwei Kindern ohnehin die meisten
Vermieter abschrecken“, schildert Lima ihre Erfahrungen auf dem
Wohnungsmarkt.
Nicht einmal im Grenzgebiet, wo die Mietpreise etwas niedriger sind,
wurde die Familie fündig. „Auch dort verlangen sie unbefristete
Verträge. Ziehen wir ins Ausland, verliere ich außerdem mein
Revis-Einkommen. Eine Arbeit zu finden, ist in Corona-Zeiten aber auch
nicht leicht. Das Ganze ist ein Teufelskreis“, so Lima. Die vierfache
Mutter bat also die AIS, ihren Mietvertrag um einige Monate zu
verlängern. „Laut der AIS war das in meinem Fall aber nicht möglich“,
beschwert sich die 39-Jährige. Die Affäre landete vor Gericht. Da sich
die Familie weigerte, die Wohnung zu verlassen, wurde ein
Räumungsbefehl erstellt.
Am vergangenen 16. September, etwa anderthalb Jahre nach der ersten
schriftlichen Aufforderung, fand dann die Räumung statt.
Gerichtsvollzieher und Polizei forderten die Familie auf, ihr Zuhause
zu verlassen. „Mein Partner war auf der Arbeit und die Kleinen waren
zu dem Zeitpunkt in der Schule, nur Valérie und ich waren zu Hause.
Wir sind aus unseren eigenen vier Wänden verjagt worden, als wären wir
Tiere. Die Nachbarn haben zugeschaut, es war demütigend. Doch ich bin
ruhig geblieben. Valérie auch, obwohl ich genau weiß, dass es sie im
Inneren zerstört hat“, erinnert sich Carmen Lima an den Moment, an dem
ihr Leben auf den Kopf gestellt wurden.
Knallharter Alltag
Jetzt, fast zwei Monate später, kämpft sich die Familie täglich durch
den Alltag. Vater Ernesto Lopes arbeitet tagsüber, abends, wenn er
kann, besucht er seine Familie in der Jugendherberge – aufs Zimmer
darf er nicht. Da die Kinder früh aufstehen müssen, ist es stets ein
kurzer Besuch. „Valérie geht in Bonneweg zur Schule. Die Kleinen aber
müssen jeden Tag nach Rümelingen. Deshalb stehen wir morgens kurz nach
5 Uhr auf“, erklärt Carmen Lima. Von der Jugendherberge geht es kurz
nach 6 Uhr mit dem Bus bis zur Umsteigeplattform Pfaffenthal, dann mit
dem Zug zum Hauptbahnhof. Dort geht die Reise mit einem anderen Zug
bis nach Esch weiter, wo Mutter Carmen und die beiden Jüngsten in
einen Bus umsteigen, der sie nach Rümelingen bringt.
„Dort verbringe ich dann meistens den Tag, bis die Kinder aus der
Schule sind. An manchen Tagen gehe ich zu wichtigen Terminen, wie den
beim Arbeitsamt. Alle wichtigen Dokumente trage ich stets bei mir in
meinem Rollkoffer“, erklärt die Kapverdierin. Miley und Wyatt essen zu
Mittag in der Schule – ihre einzige warme Mahlzeit am Tag. „Für mich
gibt es meistens Brot oder Joghurt, manchmal esse ich auch bei einer
ehemaligen Nachbarin“, sagt Carmen Lima sichtlich betroffen: „Da wir
in der Jugendherberge nicht kochen können, gibt es abends oft
Cornflakes oder Sandwiches.“
Wenige Tage vor dem nächsten obligatorischen Umzug ist die Situation
von Familie Lima noch immer aussichtslos. Vater Ernesto Lopes
arbeitet zwar, allerdings hat er noch nur einen befristeten Vertrag.
Carmen Lima hat zurzeit Aussicht auf einen möglichen Job, allerdings
nur in Teilzeit. Die 18-jährige Valérie, hat dank des Centre
psycho-social et d'accompagnement scolaires (Cepas) ein Zimmer in
einem Mehrfamilienhaus für junge Erwachsene in Junglinster
zugewiesen bekommen. Das, was der Familie aber tatsächlich fehlt –
eine neue Wohnung – ist noch nicht garantiert. „Ich fürchte mich
jetzt vor dem Tag, an dem wir aus der Jugendherberge ausziehen
müssen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass wir wieder alle
unter einem Dach leben können“, so die besorgte Mutter.
„Mangel an Transparenz und Willen“
AIS-Direktor erklärt, wie es zu Räumungsbefehlen bei Familien kommt
Die Situation, in der sich Familie Lima derzeit befindet, ist für
viele Menschen wohl unvorstellbar. Doch die Wohnungsnot wird im
Großherzogtum zunehmend zum Problem. Laut Experten im sozialen Bereich
ist das Schicksal von Familie Lima kein Einzelfall. Immer mehr
Menschen können sich auf dem normalen Immobilienmarkt nichts mehr
leisten. Um in einer ersten Phase Betroffenen ein Stück weit
entgegenzukommen, gibt es die Agence immobilière sociale (AIS). Diese
ermöglicht Menschen, die in prekären Situationen leben und/oder
sozialer Ausgrenzung ausgesetzt sind, einen zeitbegrenzten Zugang zu
erschwinglichem Wohnraum. Die AIS vermittelt Wohnungen und Häuser von
privaten Vermietern für einen festgelegten Zeitraum an sozial schwache
Personen. Zurzeit verwaltet die AIS 567 Wohneinheiten, 95 Prozent
davon sind belegt.
Zusätzlich zum Mietvertrag müssen die Mieter aber auch einem
individuellen Projekt zur sozialen Eingliederung zustimmen. Ziel ist
es, ihnen nicht nur kostengünstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen,
sondern ihnen auch dazu verhelfen, wieder auf dem normalen
Immobilienmarkt Fuß zu fassen. Zu diesem Zweck arbeitet die AIS eng
mit den Sozialämtern der Gemeinden zusammen. Die Mieter müssen sich an
unterschiedliche Bedingungen halten. Etwa eine Umschulung machen, um
die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, oder an einem
Schuldenberatungsprogramm teilnehmen, um ihre finanzielle Lage zu
verbessern. Außerdem muss jeder AIS-Begünstigte sich an einen an ihre
Situation angepassten Sparplan halten, um den eventuellen Erwerb einer
künftigen Wohnung zu ermöglichen.
Ein normales AIS-Programm dauert drei Jahre. Halten sich die
Begünstigten an die individuellen Projekte und zeigen genügend
Einsatz, um die jeweiligen Ziele zu erreichen, kann der Vertrag mit
der AIS verlängert werden. Die Dossiers und eventuellen
Verlängerungsbeantragungen werden von einer Kommission analysiert und
bewertet. Laut AIS-Direktor Gilles Hempel halten sich im Durchschnitt
etwa 90 Prozent aller Begünstigten an die aufgestellten Bedingungen.
Etwa die Hälfte aller AIS-Mieter schafft es während der drei
Vertragsjahre, eine neue Bleibe über den privaten oder
subventionierten Markt (Fonds du logement, SNHBM) zu finden. Zirka
zehn Prozent der Begünstigten gelingt es laut Gilles Hempel sogar,
eine eigene Immobilie zu kaufen. Die andere Hälfte – also jene, die es
aus unterschiedlichen Gründen in drei Jahren nicht zu einer privaten
Wohnung kommen – beantragt in der Regel eine Verlängerung des
Vertrages. Laut dem AIS-Direktor landen im Schnitt nur etwa 6,5
Prozent aller Fälle beim Anwalt. Bei einem Zehntel davon kommt es dann
auch tatsächlich zu einer Räumung.
Eine von wenigen
Wie Gilles Hempel auf Nachfrage hin erklärt, handelt es sich bei dem
Fall von Familie Lima um einen dieser etwas schwierigen Fälle. „Leider
war die Arbeit mit Frau Lima etwas kompliziert. Es mangelte an
Transparenz, Motivation und Willen, sich an die Zielsetzungen zu
halten. Demnach hat die entsprechende Kommission nach drei Jahren den
Vertragsverlängerungsantrag abgelehnt. Die Familie wurde aber
vorzeitig – anderthalb Jahre vor der eigentlichen Räumung – über das
bevorstehende Vertragsende informiert. Das Ganze endete dann leider
mit einer gerichtlich beantragten Zwangsräumung“, beschreibt Gilles
Hempel das Geschehen aus Sicht der AIS.
Seit dem 16. September ist das Dossier von Carmen Lima bei der AIS nun
geschlossen. Hilfe können Räumungsopfer in solchen Fällen von der
Gemeinde, in der sie gelebt haben, erwarten. In diesem Fall ist das
die Gemeinde Rümelingen. Auf Nachfrage hin erklärt Bürgermeister Henri
Haine (LSAP), dass er als Gemeindeoberhaupt erst kurz vor der Räumung
über die Situation von Familie Lima in Kenntnis gesetzt worden sei.
„Ich finde es tragisch, dass Familien mit Kleinkindern solche
Schicksale erleben müssen. Mir sind zurzeit allerdings die Hände
gebunden, denn all unsere Wohnungen sind wegen eines Großbrands in
einem Mehrfamilienhaus Ende Juni derzeit besetzt. Für 18 Personen
mussten wir damals eine längerfristige Lösung finden.“
Außer das Hab und Gut aus ihrer Wohnung anderenorts zu verstauen,
könne die Gemeindeverwaltung zurzeit für Familie Lima leider nicht
tun. „Da es sich um viel Material handelte, haben wir die Sachen bei
einer Lagerfirma verstaut und übernehmen dafür die Kosten“, so Henri
Haine. Unterstützt wird Familie Lima aber weiterhin vom Sozialamt
„KälTéiteng-Rëmeleng“. „Alle nötigen Schritte wurden eingeleitet,
Hilfen und Anfragen wurden beantragt, sei es bei Akteuren wie dem
Fonds du logement oder dem SNHBM. Zurzeit ist der soziale
Immobilienmarkt jedoch komplett ausgelastet, sodass wir nicht
wissen, wie schnell und ob die Familie überhaupt in naher Zukunft
eine Wohnung erhält“, so ein Sprecher der Croix-Rouge, der
Organisation, die das Rümelinger Sozialamt verwaltet.