Wohnungskrise

Wie eine Familie auf der Straße landete

Eine Reportage von

Rosa Clemente (Text)

Christophe Olinger (Fotos)

Sibila Lind (Video)

Dominique Nauroy (Webdesign)

Jörg Tschürtz (Textaufbereitung)

Familie Lima verfügt seit zwei Monaten über keinen festen Wohnsitz und lebt vorübergehend in einer Jugendherberge.

In den vergangenen drei Jahren lebte die Familie in einer Sozialwohnung der AIS in Rümelingen. Im September kam dann die Zwangsräumung.

Um nicht auf der Straße zu landen, beschloss Carmen Lima, mit drei ihrer Kinder, Valérie (18), Miley (9) und Wyatt (6), vorübergehend in eine Jugendherberge zu ziehen. Dort können sie aber voraussichtlich nur noch bis zum 18. November bleiben.

Der Tag von Familie Lima beginnt um 5 Uhr. Von der Jugendherberge geht es dann mit dem Bus bis zur Umsteigeplattform Pfaffenthal, dann mit dem Zug zum Hauptbahnhof. Dort fährt die Familie mit einem anderen Zug bis nach Esch, wo sie in einen Bus umsteigt, der sie nach Rümelingen bringt.

Insgesamt braucht Carmen Lima zirka anderthalb Stunden, um ihre Kinder zur Schule zu bringen

Gegen 19.30 Uhr kehrt Familie Lima in ihr vorübergehendes "Zuhause" zurück: ein kleines Zimmer mit zwei Etagenbetten und einem Bad, jedoch ohne Küche.

An diesem Abend konnten sich Carmen Limas Kinder ausnahmsweise eine halbe Pizza teilen. Normalerweise gibt es an dieser Stelle nur Cornflakes oder Sandwiches.

Ein LW-Team begleitete die Familie Lima einen Tag lang mit der Kamera.

Der Kampf ums Überleben

Familie Lima hat seit zwei Monaten keinen festen Wohnsitz und lebt vorübergehend in einer Jugendherberge

Der Winter steht vor der Tür, die Corona-Infektionszahlen erzielen Höchstwerte. Zahlreiche Menschen ziehen sich daher in ihre eigenen vier Wände zurück. Carmen Lima, vierfache Mutter, muss zurzeit allerdings auf die Sicherheit eines eigenen Zuhauses verzichten. „Wir können drinnen reden“, sagt die 39-Jährige in einem erstaunlich ruhigen Ton, als sie das LW-Team vor dem Eingang der Jugendherberge in Luxemburg-Stadt, ihrem derzeitigen Schlafplatz, begrüßt.

Ihr Blick ist leer, ja gar etwas abwesend. Die Kapverdierin, die seit rund 26 Jahren in Luxemburg lebt, trägt weder Mantel noch Jacke, lediglich ein dunkler, zum Teil durchlöcherter Pullover schützt sie vor der Kälte. An ihrer Hüfte hängt eine rot-gelbe Bauchtasche mit der Aufschrift „Knax-Club“.

Seit Mitte September haben Carmen Lima, ihr Partner Ernesto Lopes und ihre drei jüngsten Kinder – Valérie (18), Miley (9) und Wyatt (6) – keinen festen Wohnsitz mehr. Um zusätzliche Kosten einzusparen, kam Vater Ernesto vorübergehend bei einem Familienmitglied unter, Carmen und ihre drei Kinder bezogen ein Vierbettzimmer in der Jugendherberge in Clausen, das sie voraussichtlich bis zum 18. November nutzen können. Zuvor hatte die Familie bereits Unterschlupf in der Jugendherberge in Esch/Alzette gefunden. „Als wir am 16. September aus unserer Wohnung in Rümelingen rausgeworfen wurden, hatten wir die Wahl zwischen der Jugendherberge oder der Straße“, beschreibt die Mutter die prekäre Lebenslage der Familie.

Nach einem Monat in der Escher Jugendherberge kam die Familie am 19. Oktober in die Hauptstadt. „Auch hier dürfen wir, obwohl wir unseren Aufenthalt natürlich bezahlen, nur 30 Tage bleiben. Falls ich nicht bald eine neue Wohnung gefunden habe, landen wir alle auf der Straße“, sagt Carmen Lima, holt dann tief Luft und korrigiert ihre Aussage: „Nicht alle … nur ich, denn meine Kinder wird man mir dann wohl wegnehmen.“ Eine Vorstellung, die traumatische Erinnerungen in ihr weckt. „Ich weiß selbst, wie es ist, in einem Heim aufzuwachsen“, so Lima.

Mit 13 ihr erstes Kind

Geboren wurde die heute 39-Jährige auf einer kapverdischen Insel. Als Carmen gerade ins Grundschulalter kam, zogen ihre Mutter und ihr Stiefvater auf der Suche nach einem besseren Leben nach Luxemburg. Aufgezogen wurde das junge Mädchen von der Patentante. „Ich fühlte mich bei ihr sehr geborgen. Sie war für mich wie eine Mutter“, erinnert sich Carmen Lima an die Frau, die sie seit ihrem Umzug ins Großherzogtum vor 26 Jahren nie mehr wiedersah.

„Ich war ungefähr zwölf, als meine leibliche Mutter mich dann nach Luxemburg holte. Ich wollte nicht mit, da ich herausgefunden hatte, dass mein Stiefvater gar nicht mein leiblicher Vater war. Meine Mutter hatte mich jahrelang belogen. Das Verhältnis zu ihr war also sehr schlecht“, erzählt die 39-Jährige. Und: Die Mutter-Tochter-Beziehung wurde noch komplizierter, als Carmen Lima im Alter von nicht einmal 13 Jahren schwanger wurde, mit Ricky (heute 26), ihrem ältesten Sohn.

„Die Situation zu Hause wurde immer schlimmer. Mit 14 oder 15 kam ich dann ins Heim“, erinnert sich Carmen Lima. Zu ihrer Mutter brach sie den Kontakt ab. Mit 19 zog die junge Frau dann schließlich in eine eigene Wohnung nach Bonneweg. Dort lebte sie etwa 13 Jahre mit ihren Kindern und deren Vater, Ernesto Lopes. „In den letzten Jahren fingen die Probleme in der Mietwohnung an. Deren Zustand war schlecht. Doch die neuen Eigentümer wollten, dass ich mich selbst um die Wartungs- und Renovierungsarbeiten kümmere. Aus Protest habe ich dann die Miete nicht mehr gezahlt. Daraufhin sind wir aus der Wohnung geflogen“, erzählt Carmen Lima.

Unterschlupf fand Familie Lima damals in einer Notunterkunft in der Hauptstadt. Dort verbrachte sie zirka zwei Jahre. 2016 stellte die Agence immobilière sociale (AIS) der Familie eine Mietwohnung in Rümelingen zur Verfügung. „Mein Partner arbeitete in der Bauindustrie, ich bekam den Revis und habe mich um die Kinder gekümmert. Da es eine Sozialwohnung war, war die Miete für uns bezahlbar“, beschreibt die Kapverdierin ihre damalige Lebenssituation.

„Aus der eigenen Wohnung verjagt“

Nach drei Jahren, also im März 2019, kam dann aber ein erstes Schreiben mit der Aufforderung, dass das AIS-Programm nun nach drei Jahren abgeschlossen werde und die Familie in wenigen Monaten aus der Wohnung ausziehen müsse. „Ich habe alles versucht, um eine neue Wohnung zu finden. Für Familien wie uns ist es nicht einfach, auf dem aktuellen Immobilienmarkt etwas zu finden. Nicht nur wird verlangt, dass beide Erwachsenen ein durchschnittlich hohes Einkommen haben, sie sollen auch einen unbefristeten Arbeitsvertrag haben. Nicht zu vergessen, dass Familien mit mehr als zwei Kindern ohnehin die meisten Vermieter abschrecken“, schildert Lima ihre Erfahrungen auf dem Wohnungsmarkt.

Nicht einmal im Grenzgebiet, wo die Mietpreise etwas niedriger sind, wurde die Familie fündig. „Auch dort verlangen sie unbefristete Verträge. Ziehen wir ins Ausland, verliere ich außerdem mein Revis-Einkommen. Eine Arbeit zu finden, ist in Corona-Zeiten aber auch nicht leicht. Das Ganze ist ein Teufelskreis“, so Lima. Die vierfache Mutter bat also die AIS, ihren Mietvertrag um einige Monate zu verlängern. „Laut der AIS war das in meinem Fall aber nicht möglich“, beschwert sich die 39-Jährige. Die Affäre landete vor Gericht. Da sich die Familie weigerte, die Wohnung zu verlassen, wurde ein Räumungsbefehl erstellt.

Am vergangenen 16. September, etwa anderthalb Jahre nach der ersten schriftlichen Aufforderung, fand dann die Räumung statt. Gerichtsvollzieher und Polizei forderten die Familie auf, ihr Zuhause zu verlassen. „Mein Partner war auf der Arbeit und die Kleinen waren zu dem Zeitpunkt in der Schule, nur Valérie und ich waren zu Hause. Wir sind aus unseren eigenen vier Wänden verjagt worden, als wären wir Tiere. Die Nachbarn haben zugeschaut, es war demütigend. Doch ich bin ruhig geblieben. Valérie auch, obwohl ich genau weiß, dass es sie im Inneren zerstört hat“, erinnert sich Carmen Lima an den Moment, an dem ihr Leben auf den Kopf gestellt wurden.

Knallharter Alltag

Jetzt, fast zwei Monate später, kämpft sich die Familie täglich durch den Alltag. Vater Ernesto Lopes arbeitet tagsüber, abends, wenn er kann, besucht er seine Familie in der Jugendherberge – aufs Zimmer darf er nicht. Da die Kinder früh aufstehen müssen, ist es stets ein kurzer Besuch. „Valérie geht in Bonneweg zur Schule. Die Kleinen aber müssen jeden Tag nach Rümelingen. Deshalb stehen wir morgens kurz nach 5 Uhr auf“, erklärt Carmen Lima. Von der Jugendherberge geht es kurz nach 6 Uhr mit dem Bus bis zur Umsteigeplattform Pfaffenthal, dann mit dem Zug zum Hauptbahnhof. Dort geht die Reise mit einem anderen Zug bis nach Esch weiter, wo Mutter Carmen und die beiden Jüngsten in einen Bus umsteigen, der sie nach Rümelingen bringt.

„Dort verbringe ich dann meistens den Tag, bis die Kinder aus der Schule sind. An manchen Tagen gehe ich zu wichtigen Terminen, wie den beim Arbeitsamt. Alle wichtigen Dokumente trage ich stets bei mir in meinem Rollkoffer“, erklärt die Kapverdierin. Miley und Wyatt essen zu Mittag in der Schule – ihre einzige warme Mahlzeit am Tag. „Für mich gibt es meistens Brot oder Joghurt, manchmal esse ich auch bei einer ehemaligen Nachbarin“, sagt Carmen Lima sichtlich betroffen: „Da wir in der Jugendherberge nicht kochen können, gibt es abends oft Cornflakes oder Sandwiches.“

Wenige Tage vor dem nächsten obligatorischen Umzug ist die Situation von Familie Lima noch immer aussichtslos. Vater Ernesto Lopes arbeitet zwar, allerdings hat er noch nur einen befristeten Vertrag. Carmen Lima hat zurzeit Aussicht auf einen möglichen Job, allerdings nur in Teilzeit. Die 18-jährige Valérie, hat dank des Centre psycho-social et d'accompagnement scolaires (Cepas) ein Zimmer in einem Mehrfamilienhaus für junge Erwachsene in Junglinster zugewiesen bekommen. Das, was der Familie aber tatsächlich fehlt – eine neue Wohnung – ist noch nicht garantiert. „Ich fürchte mich jetzt vor dem Tag, an dem wir aus der Jugendherberge ausziehen müssen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass wir wieder alle unter einem Dach leben können“, so die besorgte Mutter.

„Mangel an Transparenz und Willen“

AIS-Direktor erklärt, wie es zu Räumungsbefehlen bei Familien kommt

Die Situation, in der sich Familie Lima derzeit befindet, ist für viele Menschen wohl unvorstellbar. Doch die Wohnungsnot wird im Großherzogtum zunehmend zum Problem. Laut Experten im sozialen Bereich ist das Schicksal von Familie Lima kein Einzelfall. Immer mehr Menschen können sich auf dem normalen Immobilienmarkt nichts mehr leisten. Um in einer ersten Phase Betroffenen ein Stück weit entgegenzukommen, gibt es die Agence immobilière sociale (AIS). Diese ermöglicht Menschen, die in prekären Situationen leben und/oder sozialer Ausgrenzung ausgesetzt sind, einen zeitbegrenzten Zugang zu erschwinglichem Wohnraum. Die AIS vermittelt Wohnungen und Häuser von privaten Vermietern für einen festgelegten Zeitraum an sozial schwache Personen. Zurzeit verwaltet die AIS 567 Wohneinheiten, 95 Prozent davon sind belegt.

Zusätzlich zum Mietvertrag müssen die Mieter aber auch einem individuellen Projekt zur sozialen Eingliederung zustimmen. Ziel ist es, ihnen nicht nur kostengünstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, sondern ihnen auch dazu verhelfen, wieder auf dem normalen Immobilienmarkt Fuß zu fassen. Zu diesem Zweck arbeitet die AIS eng mit den Sozialämtern der Gemeinden zusammen. Die Mieter müssen sich an unterschiedliche Bedingungen halten. Etwa eine Umschulung machen, um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, oder an einem Schuldenberatungsprogramm teilnehmen, um ihre finanzielle Lage zu verbessern. Außerdem muss jeder AIS-Begünstigte sich an einen an ihre Situation angepassten Sparplan halten, um den eventuellen Erwerb einer künftigen Wohnung zu ermöglichen.

Ein normales AIS-Programm dauert drei Jahre. Halten sich die Begünstigten an die individuellen Projekte und zeigen genügend Einsatz, um die jeweiligen Ziele zu erreichen, kann der Vertrag mit der AIS verlängert werden. Die Dossiers und eventuellen Verlängerungsbeantragungen werden von einer Kommission analysiert und bewertet. Laut AIS-Direktor Gilles Hempel halten sich im Durchschnitt etwa 90 Prozent aller Begünstigten an die aufgestellten Bedingungen.

Etwa die Hälfte aller AIS-Mieter schafft es während der drei Vertragsjahre, eine neue Bleibe über den privaten oder subventionierten Markt (Fonds du logement, SNHBM) zu finden. Zirka zehn Prozent der Begünstigten gelingt es laut Gilles Hempel sogar, eine eigene Immobilie zu kaufen. Die andere Hälfte – also jene, die es aus unterschiedlichen Gründen in drei Jahren nicht zu einer privaten Wohnung kommen – beantragt in der Regel eine Verlängerung des Vertrages. Laut dem AIS-Direktor landen im Schnitt nur etwa 6,5 Prozent aller Fälle beim Anwalt. Bei einem Zehntel davon kommt es dann auch tatsächlich zu einer Räumung.

Eine von wenigen

Wie Gilles Hempel auf Nachfrage hin erklärt, handelt es sich bei dem Fall von Familie Lima um einen dieser etwas schwierigen Fälle. „Leider war die Arbeit mit Frau Lima etwas kompliziert. Es mangelte an Transparenz, Motivation und Willen, sich an die Zielsetzungen zu halten. Demnach hat die entsprechende Kommission nach drei Jahren den Vertragsverlängerungsantrag abgelehnt. Die Familie wurde aber vorzeitig – anderthalb Jahre vor der eigentlichen Räumung – über das bevorstehende Vertragsende informiert. Das Ganze endete dann leider mit einer gerichtlich beantragten Zwangsräumung“, beschreibt Gilles Hempel das Geschehen aus Sicht der AIS.

Seit dem 16. September ist das Dossier von Carmen Lima bei der AIS nun geschlossen. Hilfe können Räumungsopfer in solchen Fällen von der Gemeinde, in der sie gelebt haben, erwarten. In diesem Fall ist das die Gemeinde Rümelingen. Auf Nachfrage hin erklärt Bürgermeister Henri Haine (LSAP), dass er als Gemeindeoberhaupt erst kurz vor der Räumung über die Situation von Familie Lima in Kenntnis gesetzt worden sei. „Ich finde es tragisch, dass Familien mit Kleinkindern solche Schicksale erleben müssen. Mir sind zurzeit allerdings die Hände gebunden, denn all unsere Wohnungen sind wegen eines Großbrands in einem Mehrfamilienhaus Ende Juni derzeit besetzt. Für 18 Personen mussten wir damals eine längerfristige Lösung finden.“

Außer das Hab und Gut aus ihrer Wohnung anderenorts zu verstauen, könne die Gemeindeverwaltung zurzeit für Familie Lima leider nicht tun. „Da es sich um viel Material handelte, haben wir die Sachen bei einer Lagerfirma verstaut und übernehmen dafür die Kosten“, so Henri Haine. Unterstützt wird Familie Lima aber weiterhin vom Sozialamt „KälTéiteng-Rëmeleng“. „Alle nötigen Schritte wurden eingeleitet, Hilfen und Anfragen wurden beantragt, sei es bei Akteuren wie dem Fonds du logement oder dem SNHBM. Zurzeit ist der soziale Immobilienmarkt jedoch komplett ausgelastet, sodass wir nicht wissen, wie schnell und ob die Familie überhaupt in naher Zukunft eine Wohnung erhält“, so ein Sprecher der Croix-Rouge, der Organisation, die das Rümelinger Sozialamt verwaltet.