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Weltrekordler mit 89 Jahren

Trotz seines hohen Alters ist Sportikone Josy Simon weiter auf der Jagd nach neuen Bestzeiten

Auf geht es. Mit einem Tastendruck versetzt Josy Simon seine Laufuhr in den Aufzeichnungsmodus. Dann geht es hoch auf den Berg. Es ist eine letzte Kraftanstrengung für den 89-Jährigen, der in den vergangenen zehn Tagen bei seinem Trainingslager in Südtirol schon 20 Laufstunden absolviert hat. Morgen geht es zurück, doch jetzt muss Simon in der Mittagshitze dieses sommerlichen Maitags noch einmal hinauf zu seinem Hotel in Schenna bei Meran, das auf knapp 600 Höhenmetern liegt.

An der Südtiroler Landschaft kann sich das Auge kaum sattsehen. Die schneebedeckten Gipfel in der Ferne bilden einen Kontrast zum saftigen Grün des Frühlings im Tal und an den bewaldeten Berghängen.

Die Laufroute führt nun durch die Weinberge an den Hängen von Schenna; zwischen den Rebstöcken blitzt immer mal wieder das überwältigende Panorama der Alpen auf. Doch dafür hat Josy Simon jetzt keinen Blick. Er ist im Trainingsmodus, er ist ganz auf sein Tun fokussiert.

Josy Simon hat auch im hohen Alter noch eine extrem athletische Figur. Auch seine Herzfrequenz ist beeindruckend niedrig: Er hat einen Ruhepuls von 35, wie ihn nur Spitzensportler erreichen; der Durchschnitt sind Werte zwischen 50 und 70 Schlägen pro Minute. Um dieses beeindruckende Niveau zu halten, trainiert der Luxemburger nach wie vor fast jeden Tag zwei Stunden. Doch er lebt nicht wie ein Asket: Er gönnt sich auch mal einen Cremant oder ein Glas Wein zum Essen, er frühstückt ausgiebig.

Josy Simon ist unzweifelhaft eine Institution des Luxemburger Sports, der sich mit seinen Leistungen ins nationale Gedächtnis eingebrannt hat. Über Jahrzehnte hinweg war er ein Geher von Weltrang. Dabei war er als Jugendlicher ein begeisterter Radfahrer – so wie sein fast gleichaltiger Kamerad Charly Gaul (auf dem Foto links, mit Simon), mit dem er als Jugendlicher zusammen fuhr. Doch 1951 trennte der Militärdienst die Beiden; Gaul durfte weiterhin Velo fahren. Simon hingegen nicht.

Dass Simon ein großes Talent besitzt, das erkannte schon sein damaliger Ausbildungsoffizier bei der Armee, Leutnant Erny Thiel, der ihn gezielt förderte. Besonders bei den Gewaltmärschen mit voller Ausrüstung machte Simon auf sich aufmerksam. Bei einem 25-Kilometer-Marsch von Neuerburg nach Bitburg brach er den Rekord der Einheit. Als Gewinn gab es ein Zigarettenetui; Simon hat jedoch nie geraucht.

Noch heute erinnert er sich gut an seinen ersten Wettkampf über 65 Kilometer: Der „Grand Prix du Bridel“ 1953.

Im selben Jahr 1953 wechselte sein Freund Charly Gaul von den Radsport-Amateuren ins Lager der Profis. Als späterer Sieger von Giro d‘Italia und Tour de France ging machte er richtig Geld. Auch Josy Simon wäre gern selbst Tour-Fahrer geworden.

Manchmal denkt er mit Wehmut an diese Zeit. Doch er bereut es nicht, Geher geworden zu sein.

Einer sehr größten Erfolge war der Gewinn der Weltmeisterschaft über 100 Kilometer Gehen im Jahr 1965. Der Wettbewerb sei stark besetzt gewesen, erinnert sich Josy Simon. Und der große Favorit war nicht er selbst.

Doch es kam für den Kontrahenten anders als geplant.

Doch heute ist Josy Simon nicht mehr ein Geher, sondern als Läufer. Das hatte ganz praktische Gründe: 2011 zog er mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau Berta, einer Österreicherin, an den Wolfgangsee. Doch dort fand sich weit und breit kein Geherverein. Im Ort gab es mit der LG St. Wolfgang jedoch einen Laufverein. Simon zögerte, doch seine Frau ließ nicht locker: „Dann hat sie zu mir gesagt: Josy, du musst doch auch ein guter Läufer werden“, erzählt er.

Und so ließ er sich auf die Herausforderung ein, mit 78 Jahren noch einmal komplett umzusatteln. „Das ist eine große Umstellung der Muskulatur“, erklärt Simon, der mit dem ihm eigenen Ehrgeiz an die Sache heranging. Bereits 2013 stellte er seinen ersten Läufer-Weltrekord über 100 Kilometer in seiner Altersklasse auf. „Die waren so außer sich, das hatte in Österreich noch keiner fertiggebracht“, sagt Simon und lacht.

An diesem Wochenende ist Simon beim ING Night Marathon Luxembourg am Start. Dort freut man sich schon auf seinen Besuch: „Er ist für uns wirklich wie ein Familienmitglied – man kann es nicht anders sagen“, hebt Renndirektor Erich François hervor. Man merke zwar, dass Josy älter werde, doch noch immer sei seine Energie beeindruckend. „Er ist für mich ein leuchtendes Vorbild“, sagt François, der sich das Motto von Josy Simon angeeignet hat: „Für mich gilt nur eins: Start – Ziel, und nichts dazwischen.“

Doch die 42 Kilometer von Luxemburg sind nur ein Zwischenziel für Simon. Sein eigentlicher Fokus liegt auf den Bieler Lauftagen vom 9. bis 11. Juni nördlich von Bern. Dort hat er sich vergangenes Jahr über eine Schotterstrecke gequält; „es war das schwerste Rennen von meinem ganzen palmarès“, erzählt er. Am Ende der 100-Kilometer-Strecke hatte er die Füße voller Blasen gehabt. Doch er biss sich durch – und wurde mit einem Weltrekord in seiner Altersklasse in 17:34.39 Stunden belohnt. Diesen eigenen Rekord will er diesen Juni unterbieten.

Warum läufst du eigentlich noch in so einem hohen Alter? Das werde er oft gefragt, verrät Josy Simon. Dies ist seine Antwort: